Am 24. April stimmte eine große Mehrheit der Abgeordneten des Bundestages (515 Ja-Stimmen, 58 Nein) für den Vertrag von Lissabon.
Zur großen Unübersichtlichkeit des neuen Vertragwerkes schreibt die Süddeutsche Zeitung:
“Der Vertrag von Lissabon ist eine Betriebsanweisung für das neue, ost-erweiterte Europa.Er ersetzt die gescheiterte Europäische Verfassung des Jahres 2005; beim Vertrag von Lissabon handelt es sich um deren veränderte, noch weniger leicht lesbare Neuauflage. Es ist dies ein bürokratisches Vertragswerk ohne historische Aura, obwohl es sich um einen Vertrag von historischer Bedeutung handelt.”
Trotzdem wird die Europäische Union mit diesem Vertrag handlungsfähiger meint die Aachener Zeitung:
“Genauer gesagt: Sie kann handlungsfähiger werden nicht zuletzt durch den neuen Außenminister, der nicht so heißen darf, und den EU-Präsidenten. Da liegen Chancen. Die sind aber schon jetzt gefährdet, weil in diversen Hauptstädten längst überlegt wird, wie man beiden möglichst enge Fesseln anlegt. Nationale Kleingeister wollen eben verhindern, dass Europa Gesicht bekommt. Die EU in ihrem Sinne zu verändern, haben Europäer wie Blockierer auch in Zukunft genug Möglichkeiten. Wahrscheinlich müssen sich die einen von den anderen zumindest vorübergehend absetzen, damit der europäische Gedanke wieder lebt, die Integration vorankommt und die EU international wirklich ernst genommen wird”.
Auch stärke der Vertrag die soziale Seite der EU, hierzu schreibt der österreichische Standard:
“Merkel und SPD-Chef Kurt Beck, der als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident sprach, hoben die sozialen Seiten des Vertrags hervor. Mit ihm werde die Europäische Union den Werten der deutschen sozialen Marktwirtschaft verpflichtet, sagte Merkel. Beck betonte, der Vertrag gebe erst die Chance, das soziale Europa weiter zu entwickeln.”
Zum Vorwurf, dass mit dem Vertrag erneut nur Stückwerk präsentiert wird äußert sich die Frankfurter Rundschau:
“Was wäre die Alternative zu jener Light-Reform, die gestern die erste Berliner Hürde genommen hat? Neu- oder Weiterverhandlungen? Dann würden garantiert 27 von 27 Mitgliedern neue Fässer aufmachen und ihre alten Maximalforderungen hervorkramen. Und der Rest der Welt? Der hätte die Wahl, ob er weiter auf Europa warten oder darüber lachen will.”
Weiterhin schreibt die Süddeutsche Zeitung:
“Aber dieses nüchterne und sperrige Konvolut namens Vertrag von Lissabon ist vielleicht ein ehrlicheres Papier, als es eine golden eingebundene Verfassung wäre. Es ist ein Abbild des real existierenden Europa, es entspricht dem Stand des europäischen Bewusstseins und es regelt das technisch Notwendige. Das ist nicht wenig, aber eine Basis für europäische Träume ist das natürlich nicht. Aber diese großen Träume sind so oft geträumt und so oft (und manchmal grausam) zerstört worden, dass es vielleicht besser ist, nicht so aufzutrumpfen.”
Zur ablehenden Position der Linken, die den Vertrag als einzige Fraktion ablehnten, schreibt die Tageszeitung aus Berlin:
“Die Arbeitnehmer haben nichts zu befürchten, obwohl die Linken raunen, die EU wolle das Lohndumping forcieren. Einmal mehr variieren sie den beliebten Topos, Europa sei ein Monster oder ein Krake. Zugleich bedienen sie eine verquere Form des Nationalismus, der auch jenseits des linken Spektrums weit verbreitet ist: Trotz Hartz Vier glauben noch immer viele Bundesbürger, die soziale Marktwirtschaft existiere nur in Deutschland. Dabei belegen alle Statistiken das Gegenteil: In keinem westlichen Industrieland steigen die Reallöhne so langsam wie in Deutschland. Bekanntlich gibt es in fast allen anderen Staaten längst eine Lohnuntergrenze. Überhaupt ist zu bedauern, dass Europa nicht noch mehr Kompetenzen hat. Vor allem die Steuern müssten sofort harmonisiert werden, um endlich die Länderkonkurrenz um die niedrigsten Steuersätze zu beenden”
Mit Blick auf die Verfassungsklage des CSU-Politikers Peter Gauweiler schreibt Die Welt:
“Noch ist der Vertrag keineswegs unter Dach und Fach. In Irland gibt es ein Plebiszit. Und Karlsruhe wird über eine Klage des CSU-Politikers Peter Gauweiler befinden müssen. Es ist gut, dass es diese Klage gibt. Denn weil der Vertrag von Lissabon jene elementare Bedeutung für die künftige Politik hat, die ihm gestern im Bundestag von allen Parteien mit Ausnahme der Linken zugemessen wurde, ist es wichtig, die Frage weiterer Kompetenzverlagerungen an Brüssel gerichtsfest zu machen. Europa braucht Klarheit, um das Vertrauen der Bürger zu erringen. Alles andere wäre für jede Demokratie ein Vabanquespiel”
Zur Ratifizierung Deutschlands muss nun noch der Bundesrat am 23. Mai den Vertrag billigen.
Mehr Informationen zum Vertrag von Lissabon sowie den vollständigen Wortlaut des Vertrages finden sich auf den entsprechenden Seiten der Europäischen Union.
von Martin Behrens